Vollbeschäftigung global denken: Keynes und Kalecki
Prof. Dr. Hagen Krämer
Künstlerhaus, Sophienstraße 2, 30159 Hannover
Nachfrage, Macht und globale Perspektiven
Vollbeschäftigung in einer vernetzten Weltwirtschaft – ein Ziel, das weder der Markt noch nationale Politik allein gewährleisten können. John Maynard Keynes und Michał Kalecki, zwei Schlüsselfiguren der Makroökonomie des 20. Jahrhunderts, haben diese Herausforderung früh benannt. Der Vortrag folgt ihren Ideen und fragt, was sie uns heute noch zu sagen haben.
John Maynard Keynes (1883–1946) war ein britischer Ökonom und einer der einflussreichsten Wirtschaftswissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Die Keynesianischen Wirtschaftstheorie ist insbesondere im Kontext der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre entstanden. Keynes’ Kernthese war, dass Nachfragemangel zu Arbeitslosigkeit führen kann – eine Herausforderung, der durch staatliche Ausgabenprogramme und aktive Konjunkturpolitik begegnet werden müsse. Damit stellte er das klassische Marktgleichgewichtsmodell grundlegend infrage. Keynes‘ Ideen prägten nicht nur die Wirtschaftspolitik der Nachkriegszeit, sondern lieferten auch die theoretische Grundlage für den modernen Wohlfahrtsstaat. Sein Denken bleibt bis heute relevant – etwa in der Debatte über Krisenintervention, Staatsverschuldung und die Rolle öffentlicher Investitionen.
Michał Kalecki (1899–1970) war ein polnischer Ökonom und gilt als ein bedeutender Ökonom des 20. Jahrhunderts. Unabhängig von Keynes entwickelte er zentrale Elemente der nachfrageorientierten Theorie, legte jedoch einen stärkeren Fokus auf Machtverhältnisse und soziale Konflikte. Für ihn war die Einkommensverteilung – insbesondere das
Verhältnis von Löhnen zu Gewinnen – entscheidend für die wirtschaftliche Dynamik. Kalecki vertrat die provokante These, dass dauerhafte Vollbeschäftigung politisch unerwünscht ist, da sie die Position der Arbeit gegenüber dem Kapital stärken würde. Sein Werk verknüpft ökonomische Theorie mit gesellschaftlicher Analyse und bietet bis heute wichtige Impulse für eine kritische Auseinandersetzung mit Kapitalismus, Ungleichheit und globaler Wirtschaftspolitik.
In seinem Vortrag nimmt Professor Dr. Hagen Krämer die Positionen von Keynes und Kalecki in den Blick. Im Zentrum stehen ihre Ansätze zur makroökonomischen Steuerung sowie Unterschiede in der Sicht auf Machtverhältnisse, Institutionen und politische Spielräume in einer globalen Wirtschaft. Während Kalecki für dauerhafte Defizitausgaben des Staates und Umverteilung zur Erreichung von Vollbeschäftigung plädierte, setzte Keynes stärker auf Investitionsanreize und eine teilweise Sozialisierung der Investitionstätigkeit. Auch in der Machtanalyse unterschieden sie sich: Kalecki betonte den Konflikt zwischen Kapital und Arbeit, Keynes den zwischen Finanz- und Industriekapital.
Der Vortrag bietet die Gelegenheit, zwei der einflussreichsten Wirtschaftstheoretiker des vergangenen Jahrhunderts neu zu entdecken – und ihre Visionen für eine Welt ohne Massenarbeitslosigkeit kritisch zu vergleichen.
Prof. Dr. Hagen Krämer ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Karlsruhe. Er studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bremen und der New School for Social Research in New York. Seine bevorzugten Forschungsgebiete sind die Theorie und Empirie der Einkommensverteilung und der Makroökonomie, Dienstleistungen, Digitalisierung und Produktivität sowie die Geschichte der ökonomischen Theorie. Hagen Krämer ist Vorsitzender der Keynes-Gesellschaft, Mitglied im Ausschuss für die Geschichte der Wirtschaftswissenschaften im Verein für Socialpolitik und Mitglied der European Society for the History of Economic Thought (ESHET).
Moderation: Torsten Windels

