Zur Psychologie des Antisemitismus
Vortrag von Prof. Dr. Helmut Dahmer, Wien
Veranstaltungszentrum „Rotation“ in den ver,di-Höfen, Goseriede 10, 30159 Hannover
Der (seit dem 19. Jahrhundert so bezeichnete) „Antisemitismus“ ist die im christianisierten Europa über viele Generationen herrschend gewordene Form der Angst vor dem bedrohlichen Fremden inner- und außerhalb des „Eigenen“ oder „Gewohnten“, der „Xenophobie“. Als Repräsentanten des bedrohlichen Fremden gelten der Bevölkerungsmehrheit die Angehörigen der jüdischen Minderheiten, eigentlich aber deren Phantom. Die immer wiederkehrenden Versuche, sich durch Diskriminierung, Pogrom und Massenmord dieses Angstobjekts zu entledigen, gelten nicht Individuen, sondern einem Kollektiv, unter das die Individuen subsumiert werden. Solange gravierende Ungleichheit und das sie begleitende Ohnmachtsgefühl das Leben der Mehrheit bestimmen, bleibt die Droge „Antisemitismus“ für zahllose Menschen attraktiv.
Der Sozialphilosoph Helmut Dahmer studierte Soziologie und Philosophie bei Plessner, Adorno und Habermas. Von 1968 bis 1992 war er Herausgeber der psychoanalytischen Monatszeitschrift Psyche und gehörte zum Gründungsbeirat des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Bis 2002 lehrte er Soziologie in Darmstadt. Gegenwärtig lebt er als freier Publizist in Wien. Zuletzt erschien von ihm „Antisemitismus, Xenophobie und pathisches Vergessen. Warum nach Halle vor Halle ist“ und „Freud, Trotzki und der Horkheimer Kreis“, beide Münster 2020 .

